Die Edermühle im Sommer

Wie lebt es sich denn so auf’m Land?

Die vermeintlichen Unterschiede zwischen Stadt und Land

Die Warnung

Man hatte uns vor dem schrecklichen Landleben regelrecht gewarnt – weit und breit keine Geschäfte, Ärzte und Kulinarik, alles nur mit dem Auto erreichbar, keine Jobs, Vereinsamung, dieses rück- und engstirnige Landvolk, keine Kultur und überhaupt alles ganz, ganz, gaaaaanz schrecklich. Ach ja und ohne Verein geht garnix!

Was soll ich sagen – sie hatten recht und zwar mit allem!

Das Auto

Was war es früher in der Stadt herrlich seinen Wocheneinkauf so ganz ohne Auto durch die öffentlichen Verkehrsmittel schleppen zu können – Getränkekisten waren hier immer mein persönliches Highlight was nur noch durch einen autolosen Baumarktbesuch getoppt werden konnte.
Auch die öffentlichen Anbindungen an z. B. einen Ikea etc. waren immer ein Traum und wenn man dann z. B. Ausflüge machte war es ja kein Problem einen halben Tag für die Organisation eines Mietwagens ein zu planen.

Das ist vermutlich auch der Grund warum fast niemand in der Stadt 1-2 Autos hat was wiederum dazu führt, dass Umweltkatastrophen wie Fukushima und die jährliche Flugreise kein Kopfzerbrechen mehr bereiten müssen.

Es ist schon super das autolose Leben!

Und die Kosten darf man ja auch nicht vergessen – ein Auto kostet Dich geleast all inklusive ja immerhin auch ca. 200 € im Monat, plus Sprit.

Wenn man jetzt bedenkt, dass hier ein Haus inklusive Kaufnebenkosten lediglich 400.000 € günstiger als ein vergleichbares (Wöhnfläche, Grundstücksgröße und Ausstattung) in z. B. Linz oder ähnlichen Städten ist, dann kann man sich ja ausrechnen was man am Land innerhalb von 40 Jahren durch ein Auto drauf zahlt – selbst wenn man die Monatskarte für die Öffis, ’ne Bahncard o. ä. sowie höhere Zinsen für den höheren Kredit etc mit einberechnet.

Jobs und Schulen

Jobs gibts auch keine auf dem Land. Handwerk z. B. läuft hier so schlecht, dass die Betriebe bei einem Auftrag so überrascht sind und sich erst mal Wochen sammeln müssen bevor sie die Arbeit antreten. Aber Handwerk braucht man sowieso nicht und auch sonst gibt es keine Chancen auf Jobs. Sowas wie ein Startup ist selbstverständlich nur in der City möglich weil es eben so ist wie es ist. Ja gut, da gibt es dieses Internet, aber was hilft einem das? Bei Emails, Networking, Skypekonferenzen, Handel, Dienstleistungen wie Webdesign, IT, Telefonate da hilft Dir dieses Internet doch genau gar nichts! Die tragende Säule und der Kern eines jeden Geschäfts ist und bleibt eine repräsentative Firmenadresse in der Stadt die was her macht, auch wenn des a bissal was kostet – das war schon immer so.

Naja und bezüglich normaler Tätigkeiten – wer will z. B. schon auf’m Land an der Kasse sitzen o. ä., wenn er dasselbe auch in Städten wie Wien, Hamburg oder München machen kann? Sehen und gesehen werden, also ist pendeln als Gott gegeben hin zu nehmen!

Zum Glück haben Steffi und ich keine Kinder weil es am Land ja bekanntlich keine Kindergärten und Schulen etc. gibt. Wir mischen uns da als kinderloses Paar auch gar nicht weiter ein, wundern uns aber schon immer was die ganzen Kinder hier am Land in der Zeit machen wenn normale Kinder in die Schule gehen.

Das Ergebnis davon ist allerdings verheerend und für Jedermann sichtbar – keines der Kindergartenkinder kann fließend eine Fremdsprache wie Englisch oder Französisch und die Grundschüler wissen noch nicht mal was sie studieren wollen.

Die Geschäfte, Ärzte und die Kulinarik

Bezüglich der Einkaufs- und Genussmöglichkeiten sowie der ärtzlichen Versorgung ist es am Land ebenfalls ein einziges Trauerspiel.

Wo man in der Stadt z. B. 8 Supermärkte zur Auswahl hatte, hat man hier nur 7, das ist bitter, vor allem wenn man bedenkt, dass man den Wochen- / Monatseinkauf jetzt mit dem Auto erledigen muss anstatt ihn bequem durch die S-Bahn zu tragen.

Auch wenn Du um 22 Uhr mal wieder merkst, dass die Milch oder das Salz alle ist bist Du hier vollkommen aufgeschmissen.

Geschäfte überhaupt, gibt es nur ein paar dutzend Hände voll. Tja, dann sitzt man da am Land mit seinem Glasfaseranschluss und fragt sich, warum sich dieses Internet nie durchgesetzt hat und man eigentlich nicht darüber einkaufen kann. Klar für die Einzelhandelsgeschäfte z. B. in der Stadt wäre das natürlich fatal, weil dann würden die nach und nach schließen und durch den zehnten Diskontbäcker, den zwanzigsten Starbucks oder den 100 Handyshop ersetzt werden. Wir können also von Glück reden, dass noch niemand den Onlinehandel erfunden hat.

Ärzte is auch ganz blöd, weil man für seine 3 wöchentlichen Arztbesuche knapp 10 bis 20 Minuten fahren muss und auch, dass es z. B. nur 2 Zahnärzte zur Auswahl gibt und nicht 8 is echt doof.

Der Krankenwagen braucht lange 10 Minuten bis er da ist (leider selbst ausprobiert) und bei was Schlimmerem landet der Rettungshubschrauber auch noch direkt vorm Haus (leider durch unseren Polier ausprobiert) – nein natürlich nicht gut sondern selbstverständlich ökologischer Wahnsinn!

Die Kulinarik ist ebenfalls völlig unterirdisch – alle 10 Meter ein Restaurant? Fehlanzeige! Lediglich 30 Restaurants und Gaststätten innerhalb von einem 20 Minuten Radius. Das die „Auswahl“ von griechisch über gutbürgerlich, bodenständig, asiatisch, gehobener Landesküche, italienisch bis hin zu sehr gutem Sushi reicht täuscht natürlich nicht darüber hinweg, dass es z. B. nur 2 Sushilokale statt 8 gibt. Wie Du siehst ist die Auswahl einfach zu klein und dabei ist es auch egal, dass alles viel günstiger ist – ich mein hallo? Restaurants ohne Gästeliste und 1 Monat im Voraus reservieren sind doch total out, noch dazu wenn sich das auch noch jeder leisten kann.

Die engstirnige Landbevölkerung

So und als ob das alles nicht schon dramatisch genug wäre gibt es doch auch tatsächlich Arschlöcher am Land.

Ja wirklich! Richtige Deppen!

Nicht so wie in der Stadt wo jeder super drauf ist und alle sich lieb haben.

Ich mein allein das Getratsche! Du kannst Dir ja gar nicht vorstellen wie so ein Getratsche ist! Da gibt es wirklich Menschen die hinter Deinem Rücken einen Blödsinn über Dich erzählen.

In solchen Momenten sehne ich mich dann immer nach meinem Umfeld als Schauspieler. Die Film- und Fernsehbranche, bekannt für ihre warmherzige Ehrlichkeit, wo jeder jedem Hilft und man sich gegenseitig nur das Beste wünscht.

Getratsche wäre da unvorstellbar.

Ich mein stell Dir mal vor, wenn in Deiner Branche, im Büro, im entfernten Bekanntenkreis im Elternverein oder am Ende bei Deinen Kindern in der Schule getratscht werden würde – einfach unvorstellbar oder?

Bildungsmäßig ist das Land ein Horror – ja gut, die wissen zwar noch wie man sich selbst ernähren kann und ähnlich völlig unnützen Schmarrn von früher wie Kräuterkunde etc., aber frag da mal einen wer bei der Forbes Liste auf Platz 1 bis 10 steht oder was man diesem Frühling zu tragen hat damit’s modetechnisch kein Reinfall wird.

Ja bei solch elementaren Dingen des Lebens herrscht dann absolute Flaute bei den Landeiern.

Auch karrieremäßig hat da keiner was drauf, aber die Rechnung dafür werden’s dann am Sterbebett merken wenns mit dem letzten Atemzug ein „Ahhh…Ahhh Scheiße, hätt‘ ich doch nur mehr Zeit im Büro verbracht und mehr gearbeitet…“ aushauchen.

Der reichste Mensch am Friedhof wird man mit so einer Lebenseinstellung jedenfalls nicht, aber das scheint diese Leute nicht zu stören – einfach unglaublich.

Ach ja und Ruhe lassens einem auch keine auf’m Land!

Ständig wird gfragt ob sie einem hier helfen können oder da Unterstützung anbieten dürfen – dass ist so schlimm, dass es irgendwann droht abzufärben.

Das führt dann sogar soweit, dass Leute sich erdreisten im Dezember mit einem Fresskorb auf der Baustelle aufzutauchen, anstatt so wie es sich gehört die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen weils nach 18 Uhr is.
Also solche Dinge sind wirklich mehr als gewöhnungsbedürftig.

Vereine

Zu den letzten Vereinen in denen ich war, zählten der Angelverein, der Basketballverein und der Badmintonverein – alle in der Stadt und über 15 Jahre her, aber darum geht es jetzt gar nicht.

Im Gegensatz zur Stadt, tritt man am Land ja bekanntermaßen den Vereinen nicht freiwillig bei, nein man wird vom Klischee gezwungen.

Das Klischee klopft an Deine Haustür, hält Dir ’ne Pistole an den Kopf und will, dass Du ’nem Verein beitrittst.

Steffi und ich haben dem Klischee aber einfach nicht die Tür aufgemacht und sind somit immer noch in keinem Verein.

Blöderweise kamen noch etliche andere Dorfbewohner auf diese Idee, so dass wir es auch durch diese Maßnahme nicht schafften uns erfolgreich zu isolieren.

Das Nachtleben

Was uns hier auch extrem fehlt ist das Nachtleben.

Ich mein, wenn Du hier auf eines der gefühlt 1.000 Dorffeste gehst und am Abend gerade mal 20 € los bist, dann weißt halt schon was Du an München hattest.

Vodkabull für 9,50 € ist hier einfach nicht zu bekommen und das Publikum ist auch immer mal wieder dasselbe, ganz anders als früher in der Stammdisco.

Angesagte DJs kennen die hier nicht und merken noch nicht mal, dass sie zu Musik tanzen und dabei Spass haben, die in der Stadt schon längst wieder out ist.

Ich mein, hier hast einfach z. B. auch echt keine Chance nach der Stammdisko um 4 Uhr morgens noch ’nen Hunderter bei der Afterclubparty los zu werden.

Das fängt ja schon beim Taxi an – hier gibts meist ’nen Gratis Shuttle, ich mein des hat doch echt keinen Stil.

Und gerade wenn man mit Anfang / Mitte 30 in das Alter kommt wo man es jedes Wochende so richtig krachen lassen möchte um Abstand von Familie und Beziehung zu bekommen ist das auf’m Land schon blöd.

Wie soll das erst mit 40 oder 50 werden wenn es keine Nobeldisco gibt wo man unter den ganzen total lässigen und total urbanen Gleichgesinnten oder wahlweise den 20 Jährigen so richtig cool abhängen kann und es auch nicht ein mal mehr den Reiz von einem „Du kommst hier ned rein“ oder einer Gästeliste gibt?

Im Alter

Richtig Angst haben wir auch vor dem Alter.

Stell Dir mal vor Du kannst mit 80 nicht mehr Auto fahren (auch nicht die Selbstfahrenden) und bist zu senil für die Internetnutzung geworden – gut, in der Stadt musst Du dann zwar auch ins Heim, aber wenigstens schwingt da ein urbaner Hauch mit, der Dich tröstet.

Und während die alten Leute der Stadt eine fetz’n Gaudi in ihrer optimierten und kostensparenden 50 qm Rentner WG haben, werden die Senioren hier auf dem Land in ihren viel zu großen Häusern von ihrer Nachbarschaft mit Hilfsangeboten genervt.

Fast wöchentlich laufen hier kopfschüttelnde Senioren durchs Dorf die “ I hob zu viel Platz…Mein Gott na i hob zu viel Platz…“ und “ Lasts mi doch alle allein… Na i hoid die Hilfsbereitschaft einfach nimma aus“ murmeln.

Kultur

Von diesen verstörenden Szenen können wir uns nicht ein mal mit  Kultur ablenken.

Ja klar gibt es hier immer mal wieder Theaterstücke, Konzerte, Kabarett und vieles in der Art, aber einfach nicht genug.

Wie jeder normale Mensch in der Stadt, gingen Steffi und ich früher mindestens 2 mal pro Woche ins Theater, die Oper oder das Museum – diesen völlig durchschnittlichen Besuchsintervall kannst auf’m Land knicken.

Es ist wirklich schrecklich.

Naja wir könnten zwar in weniger als 1 Stunde nach Linz oder in weniger als 2 Stunden nach Wien, aber wenn man nicht mindestens 2 mal die Woche aus der Wohnung direkt in die Oper stolpern kann macht’s ja auch keinen Spass.

Fazit

Jeder der sich jetzt über meinen Text aufregt stellt bitte unverzüglich die Schnappatmung ein.

Das Fazit ist nämlich ganz unspektakulär und lautet wie folgt:

Das Landleben muss man einfach mögen, genauso wie das Stadtleben. Es gibt immer und überall Vor- und Nachteile sowie völlig individuelle Lebensmodelle.

Steffi und ich leben inzwischen lieber auf dem Land als in der Stadt – nicht mehr und nicht weniger und natürlich nimmt man da auch mal die Städter aufs Korn.

Ja vielleicht haben wir uns jetzt die ein oder andere Kundschaft vergrault, aber erstens haben wir auch gerne Kunden mit Humor und zweitens sind wir vom Land halt bekanntermaßen einfach nicht die hellste Kerze aufm Kuchen 😉

Nön Kolumne

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