Steffi auf der Baustelle

Kapitel 4 – Stemmen und Putz abschlagen

„Jetzt ist’s eh schon wurscht“ wurde das Motto der nächsten Monate.

Um es gleich vorweg zu nehmen, das Entrümpeln nahm auch 2015 kein wirkliches Ende, aber es musste ja jetzt trotzdem weiter gehen, denn in unseren Köpfen war Dezember 2014 ja schließlich Einzugstermin.

Was stand also als nächstes an – nach Vorgaben des Installateurs und Elektrikers Wände für die neuen Leitungen stemmen und natürlich die alte Farbe und die Tapeten von den Wänden kratzen.

„Steffffffiiiii…!“ schalte es schon nach wenigen Minuten durch die Mühle.  „Jetzt schau dir des an“ sagte ich genervt und deutete mit meinem 10 Zentimeter Amateur Spachtel auf die Wand vor mir.

Dort wo eben noch geplant war, die totschicke rosa Blümchen Tapete von anno 18 Hundert von der Wand zu spachteln, klaffte ein Krater von einem halben Meter Durchmesser im Putz.

„Ja mei, dann müssma halt Putz abschlagen, des hab ich mir schon gedacht“ meinte Steffi wissend und hörte sich schon wie die Heimwerkerkönig persönlich an.

Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Steffi im Gegensatz zu mir eine Ahnung hatte, was wir hier eigentlich tun und sie auch genau wusste, warum sie mir das vor dem Kauf nicht gesagt hatte – wofür ich ihr im Nachhinein ja auch sehr dankbar bin.

Großkunde beim Containerdantler

Na gut dann wird der Spachtel eben durch einen Hammer ersetzt. Schon nach nicht ein mal einer halben Stunde hatte ich einiges gelernt:

  1. Ich hasse Staub
  2. Es gibt Atemschutzmasken und Dinger die nur so aussehen
  3. Ich wusste jetzt warum der Containerdantler so nett zu uns war als er von unserem Kauf der Edermühle erfuhr und so faire Preise von Anfang an hatte – Großkunden werden eben nett behandelt

Und täglich grüßt das Murmeltier

Die kommenden 2 Monate sollten wie folgt aussehen:

Montag bis Donnerstag alles rund um die Baustelle organisieren und versuchen nebenbei seinen normalen Job zu machen.

Freitag 2 Stunden Fahrt zur Mühle, 10- 14 Stunden a scheiß Hakn (zu deutsch: nicht so schöne Arbeit), 1 Millionen Kalorien als Abendessen, duschen, Tiefschlaf, mit Muskelkater wieder aufwachen und wieder 10-14 Stunden a scheiß Hakn. Dasselbe Spiel dann auch am Sonntag, nur dass am Abend nicht das Bett wartete sondern 2 Stunden Heimfahrt und Montag fing das Spiel von vorne an.

Schon wieder hatte ich einiges gelernt:

  1. Ich hasse Staub noch immer
  2. Steffi und ich sind eigentlich eine Art Roboter, die man anscheinend auch auf Endlosschleife programmieren kann
  3. Wenn Dein Roboterpartner nicht 100% perfekt zu Dir passt, saniere um Himmels Willen niemals eine alte Mühle

Da gibt’s doch diese Schlitzfräsen oder?!

Nun waren da ja noch diese ominösen Stemmarbeiten für Leerrohre und die Heizungsinstallation, aber das ist ja relativ schnell gemacht. Anzeichnen, bisschen Schlitzfräse mit tollem Staubabzug und läuft.

Naja Youtube hat mir das so gesagt.

Genau das kannst Du bei 1,20 Meter dicken Mauern aus überwiegend Flusssteinen und teilweise Granit nämlich komplett streichen – wie immer alles nach Plan, wunderbar.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Staub hasse?! Was jetzt kommen sollte war, als ob Du einen Menschen mit Höhenangst per Helikopter aufm Gipfel vom Watzmann absetzt und ihm dann viel Spaß wünscht.

Ich bekam von einen hilfsbereiten Nachbarn einen 20 Jahre alten Stemmhammer mit gefühlten 100 Kg Eigengewicht in die Hand gedrückt, während Steffi neue Atemschutzmasken orderte – diesmal die Guten.

Irgendwann erbarmte sich ein weiterer Nachbar und stellte uns seine Hilti-Sammlung zur Verfügung. Falls Du jetzt nicht weißt was eine Hilti ist: Klar kannst Du in nem Trabbi von hier bis nach Italien fahren, aber in ner Limousine ist’s angenehmer. Nichts desto trotz – Lärm, Staub in ungeahnten Dimensionen, Muskelkater an Stellen die ich gar nicht kannte, Fäkalsprache die ich hier nicht schreiben kann, die Auszeichnung Kunde des Monats beim Containerdantler sowie ein sehr freundlicher Physiotherapeut waren das Ergebnis.

Nicht zu vergessen, dass ich wieder was gelernt hatte:

  1. Staub is oarsch!
  2. Ich bin keine Art Roboter, ich bin eine Maschine!
  3. Granit gehört verdammt nochmal nicht in Wände!

Ach übrigens…

Im späteren Wohnzimmer wollten wir eigentlich nur den alten Teppich rausreißen, dann die Reste abkratzen und irgendwann mal einen ordentlichen Boden machen.

Theorie ist so was Tolles! Da kann man 10 Jahre im voraus planen, exakte Zeiten und Kosten berechnen und Risiken rausprognostizieren. Tja und dann kommt die Praxis und sagt „Ois Oarsch, des schaut nämlich jetzat ois genau anders aus Spetzi! Host mi!“

Der Schimmelexperte überbrachte diesmal die Nachricht der Woche „Den Boden machts raus, des bringt nix“. Wenn Du sanierst oder baust, gibts immer die Nachricht der Woche, versprochen.

Egal – Boden raus, OSB Platten drüber, läuft. „Ois Oarsch Spetzi!“ offenbarte die Praxis, nachdem wir die erste Holzdiele (jaja uns hats ja auch weh getan) weg gestemmt hatten. Hier befand sich nämlich der anno 18 Hundert als Dämmstoff sehr beliebte Schutt, gemischt mit Erde und Schlacke in nicht geringem Ausmaß.

Weißt Du was das heißt?! Alles muss raus! Per Hand! Wir befanden uns jetzt in einem Marathon im Marathon, einem Parallelmarathon wenn Du so willst. Ich buchte die nächsten 4 Wochen Physiotherapiestunden im Voraus und hoffte vergebens auf wenig Staub.

Es war eine Tortur und die schrecklichste Arbeit die wir bis jetzt in der Mühle machen mussten. Nicht weniger als 3 Tonnen Erde und Schutt – ich wiederhole 3 Tonnen Erde und Schutt schaufelten wir per Hand, auch das wiederhole ich – per Hand, über mehrere Wochen aus dem zukünftigen Wohnzimmer. Die abendliche Kalorienzufuhr wurde auf 2 Millionen erhöht, die Duschzeit verdoppelt, der Tiefschlaf glich einem Koma und der Muskelkater wich purem Schmerz den der Physiotherapeut zu lindern versuchte.

Ach ja, eine Baustelle im Winter bei -10 Grad ohne Heizung ist übrigens super. Nach 2 Minuten Pause hast Du die Wahl zwischen Reinhold Messner oder weiterarbeiten und arbeitest weiter, weil abgefrorene Zehen einfach nicht sehr sexy sind – sorry Reinhold.

Man lernt ja nie aus wie Du weißt, also auf ein Neues:

  1. Ich will nie wieder Staub sehen. Es darf ab sofort auch nicht mehr über Staub gesprochen werden. Schon der bloße Gedanke an Staub ist verboten. Oh mein Gott, wie sehr ich dich hasse Staub!
  2. Ich bin immer noch eine Maschine, muss aber oft in die Werkstatt
  3. Ein Haus ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt –  lauf Forrest, lauf!!!

Ende gibt’s nicht!

Nicht das jetzt hier der Eindruck entsteht, nur ich hätte das große Los gezogen und die ganzen Arbeiten die so richtig Spaß machen für mich behalten. Steffi hatte ihre große Liebe im Farbschichten abspachteln entdeckt und liebt die Arbeit bis heute sehr. Wenn ich mal alleine sein möchte, langt es wenn ich einen kleinen Spachtel auf den Tisch lege und sie verlässt den Raum.

Auch sei zu erwähnen, dass man sich den Titel Kunde des Monats beim Containerdantler hart erarbeiten muss. Das ist aber kein Problem, denn alles was Du da mit Liebe und Leidenschaft stemmst muss dann ja schließlich in Scheibtruhen und die müssen dann zum Container vor dem Hof, wo Du das Werk Deiner Arbeit dann noch in den Container abladen musst.

Der Vorteil dieser monotonen Schwerstarbeit ist allerdings, dass Du auch einfach mal Leerrohre für z. B. ein Netzwerk im Haus stemmst, weil das Motto lautet „Jetzt ist’s eh schon wurscht!“

Dass das alles allerdings noch bei weitem nicht das Schlimmste war, was uns erwarten sollte, ahnten wir auch hier zum Glück mal wieder nicht.

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